Unsere Buchempfehlung
im Monat Mai

Nach Mattias

Nach Mattias von Peter Zantingh
Erschienen im Diogenes Verlag, 2020, 240 Seiten gebunden, 22 €

Wieder ein wunderbares Buch gelesen und empfohlen von Nele Jacobs.
Lassen auch Sie sich berühren.
Bestellen Sie doch auch dieses Buch bei Ihrem lokalen Buchhändler.

 


Das Leben kann schnell vorbei sein – so oft liest und hört man von Unfällen, schnellen Krankheitsverläufen oder anderen Schicksalen. Das Leben für diese Menschen nimmt ein plötzliches Ende und zurück bleiben Angehörige, die trauern, für die das Leben kurz stehen bleibt und dann? Dann beginnt eine neue Zeitrechnung eine wie die nach Mattias – das Leben geht weiter. Wie? Da findet jeder seinen Weg und davon schreibt der Niederländer Peter Zantingh in seinem Roman Nach Mattias.

Doch in diesem Buch geht es nicht um Mattias, es geht um viel mehr als diesen Menschen, dessen Name auf dem Buch prangt und über den die Figuren sprechen. In Nach Mattias geht es darum, dass wir alle Individuen sind, dass es keine Regeln gibt, nach denen wir uns verhalten, vor allem nicht in der Trauer. Hinter jedem Menschen, dem wir begegnen, sei es auch nur die flüchtigste der Begegnungen, steckt ein Schicksal, ein Leben, dass uns verschlossen bleibt, von dem wir nicht wissen, und ohne dieses Wissen haben wir auch nicht das Recht, Schlüsse zu ziehen und zu urteilen.

In der realen Welt kann man den Menschen nur vor den Kopf gucken, aber Peter Zantingh eröffnet seinen Lesern einen Zugang zu ganz unterschiedlichen Figuren, die uns direkt ansprechen, die ihre Gedanken darlegen und uns teilhaben lassen. Sie alle verbindet Mattias, auf eine tiefe oder weniger tiefe Weise. Die meisten Figuren erschließen sich einem sofort, bei anderen muss man nach der Verbindung suchen. Und diesen neun Figuren gibt Zantingh eine ganz eigene Stimme, einen eigenen Klang, der sie lebendig macht. In Nach Mattias lesen wir von einem Kumpel, der ein fanatischer Läufer wird, Großeltern, die nur noch Netflix gucken, einer Mutter, die neue Kontakte sucht und einem unglücklichen Alkoholiker.

Durch Mattias lernen wir, dass auch die kürzesten und vermeidlich banalsten Begegnungen einen Eindruck hinterlassen können. Menschen kommen und gehen im Leben, doch bleibt immer ein Eindruck, vielleicht ein flüchtiges Gespräch, das uns zu etwas bewegt. Den Einfluss von anderen Menschen auf unser eigenes Leben sollten wir niemals unterschätzen und uns immer bewusst sein, dass wir nicht alleine sind, nicht alleine trauern, Schmerz verarbeiten. Dass die Welt einen kurzen Moment stillsteht, wir uns alleine fühlen, aber nie alleine sind und dass es auch ein Danach geben wird, dass wir nur den Mut aufbringen müssen, dieses Danach zu wollen, davon erzählt Zantingh in seinem berührenden Buch.


Unsere Buchempfehlung

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese von David Wagner
Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 270 Seiten geb. 22,-- Euro

In diesen Tagen steht für viele von uns die Zeit still.
Diese Tage fühlen sich wie Sonntage an
und die kommenden Tage wohl auch.
Vielleicht haben Sie wieder Lust zu lesen und
diese stille Zeit mit einem guten Buch zu füllen.
Wir möchten Sie anregen mit einer Buchbeschreibung
von Nele Jacobs. (März 2020)
Bestellen Sie das Buch bei einem Buchhändler in Ihrer Nähe,
denn auch er besitzt sicherlich ein "Büchertaxi".


 „Im Grunde ist alles im Leben nur geliehen, Freund. Selbst die Dinge, von denen du dir einbildest, sie gehören dir, sind nur geliehen.
Du verlierst alles wieder. Autos, Häuser, Ehefrauen.“
„Und wer hat sie verliehen?“
„Die Zeit. Und die holt sich alles wieder zurück. Eines Tages wird sie auch dich zurückholen,
dein eigenes Leben hast du nämlich auch nur geliehen. Eines Tages musst du es zurückgeben.“

 

In seinem 2013 erschienen autobiographischen Buch Leben verarbeitete David Wagner seine eigene Krankheitsgeschichte und wurde dafür mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Seinem neuen Roman Der vergessliche Riese liegen ebenfalls Erfahrungen seines Lebens zugrunde und auch hier nimmt sich Wagner eines weiteren großen Themas an – Demenz. Er schreibt von der Liebe zwischen Vater und Sohn, dem Altwerden und Vergessen.

Nach dem Tod seiner zweiten Frau ist der demenzkranke Vater, zu dem der Ich-Erzähler David Jahrzehnte lang nur sporadischen Kontakt hatte, auf Hilfe angewiesen. Seine drei Kinder wechseln sich mit Besuchen in Bonn ab, helfen ihm mit wichtigen Angelegenheiten, organisieren seine Pflege. David kommt in regelmäßigen Abständen aus Berlin angereist, fährt mit seinem Vater auf Familienfeste, zu Beerdigungen und verbringt Weihnachten mit ihm. Erst kann der Vater mit wechselnden Pflegerinnen in seinem Haus leben, bald muss er doch in eine Altenresidenz an den Rhein ziehen. Mit der Zeit vergisst der Vater mehr und schneller. Sein Sohn hilft ihm beim Erinnern, an gute und schlimme Momente ihrer Vergangenheit und dabei kommen sie sich nahe, doch ändert sich die Dynamik ihrer Beziehung auch auf eine Weise.

 

„Ich nehme seine Hand, die mir nun gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher. Sie war mal riesig, jetzt fühlt sie sich an wie eine Kinderhand. Ich drücke sie, halte sie fest.“

 

Die sich ständig wiederholenden Fragen wirken beim Lesen enervierend, und mit Erstaunen merkt man, dass jeder Frage mit großer Geduld begegnet wird. Und der Vater? Er nimmt sein Vergessen mit Humor – „Es ist wie Tante Gretl gesagt hat: Die Dublany sind intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Dieser Satz zieht sich wie ein Mantra durch den Roman.

Wagner erzwingt nicht die Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens, und sucht auch nicht nach Antworten. Seine Sprache ist zurückhaltend und schafft Raum zum Nachdenken. David Wagner schafft es sich dem Thema Demenz auf eine sensible, ruhige Art zu nähern. Dem Roman wohnt keine Schwere inne und doch Ernst. Auch ein leiser Humor schwingt in den Gesprächen mit. Und wenn man das Buch nach der letzten Seite zuklappt, wird man einen Moment der Trauer spüren, vielleicht auch Angst, aber eben auch die Kraft und Liebe, mit der David Wagner von dem Vergessen und Altwerden seines Vaters erzählt.