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Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese von David Wagner
Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 270 Seiten geb. 22,-- Euro

In diesen Tagen steht für viele von uns die Zeit still.
Diese Tage fühlen sich wie Sonntage an
und die kommenden Tage wohl auch.
Vielleicht haben Sie wieder Lust zu lesen und
diese stille Zeit mit einem guten Buch zu füllen.
Wir möchten Sie anregen mit einer Buchbeschreibung
von Nele Jacobs. (März 2020)
Bestellen Sie das Buch bei einem Buchhändler in Ihrer Nähe,
denn auch er besitzt sicherlich ein "Büchertaxi".


 „Im Grunde ist alles im Leben nur geliehen, Freund. Selbst die Dinge, von denen du dir einbildest, sie gehören dir, sind nur geliehen.
Du verlierst alles wieder. Autos, Häuser, Ehefrauen.“
„Und wer hat sie verliehen?“
„Die Zeit. Und die holt sich alles wieder zurück. Eines Tages wird sie auch dich zurückholen,
dein eigenes Leben hast du nämlich auch nur geliehen. Eines Tages musst du es zurückgeben.“

 

In seinem 2013 erschienen autobiographischen Buch Leben verarbeitete David Wagner seine eigene Krankheitsgeschichte und wurde dafür mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Seinem neuen Roman Der vergessliche Riese liegen ebenfalls Erfahrungen seines Lebens zugrunde und auch hier nimmt sich Wagner eines weiteren großen Themas an – Demenz. Er schreibt von der Liebe zwischen Vater und Sohn, dem Altwerden und Vergessen.

Nach dem Tod seiner zweiten Frau ist der demenzkranke Vater, zu dem der Ich-Erzähler David Jahrzehnte lang nur sporadischen Kontakt hatte, auf Hilfe angewiesen. Seine drei Kinder wechseln sich mit Besuchen in Bonn ab, helfen ihm mit wichtigen Angelegenheiten, organisieren seine Pflege. David kommt in regelmäßigen Abständen aus Berlin angereist, fährt mit seinem Vater auf Familienfeste, zu Beerdigungen und verbringt Weihnachten mit ihm. Erst kann der Vater mit wechselnden Pflegerinnen in seinem Haus leben, bald muss er doch in eine Altenresidenz an den Rhein ziehen. Mit der Zeit vergisst der Vater mehr und schneller. Sein Sohn hilft ihm beim Erinnern, an gute und schlimme Momente ihrer Vergangenheit und dabei kommen sie sich nahe, doch ändert sich die Dynamik ihrer Beziehung auch auf eine Weise.

 

„Ich nehme seine Hand, die mir nun gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher. Sie war mal riesig, jetzt fühlt sie sich an wie eine Kinderhand. Ich drücke sie, halte sie fest.“

 

Die sich ständig wiederholenden Fragen wirken beim Lesen enervierend, und mit Erstaunen merkt man, dass jeder Frage mit großer Geduld begegnet wird. Und der Vater? Er nimmt sein Vergessen mit Humor – „Es ist wie Tante Gretl gesagt hat: Die Dublany sind intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Dieser Satz zieht sich wie ein Mantra durch den Roman.

Wagner erzwingt nicht die Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens, und sucht auch nicht nach Antworten. Seine Sprache ist zurückhaltend und schafft Raum zum Nachdenken. David Wagner schafft es sich dem Thema Demenz auf eine sensible, ruhige Art zu nähern. Dem Roman wohnt keine Schwere inne und doch Ernst. Auch ein leiser Humor schwingt in den Gesprächen mit. Und wenn man das Buch nach der letzten Seite zuklappt, wird man einen Moment der Trauer spüren, vielleicht auch Angst, aber eben auch die Kraft und Liebe, mit der David Wagner von dem Vergessen und Altwerden seines Vaters erzählt.