Unsere Buchempfehlung
im Monat August 2020

Ein sanfter Tod

Ein sanfter Tod von Simone de Beauvoir
Rowohlt Taschenbuch, 112 Seiten,  € 8,99


Eine neue Buchempfehlung von Nele Jacobs (August 2020)
 

„Schwer zu sterben, wenn man das Leben so heftig liebt.“

 

In Ein sanfter Tod schreibt Simone de Beauvoir, eine der Hauptvertreterinnen des französischen Existentialismus, über den Tod ihrer Mutter Françoise de Beauvoir. ihre Mutter wurde nach einem Unfall ins Krankenkauf eingeliefert, wo die Ärzte neben einem Schenkelhalsbruch auch eine Bauchfellentzündung feststellen. Später erst stellt sich heraus, dass es sich um einen Tumor handelt. Nach einer Operation schwankt ihr Zustand, bis er sich schließlich drastisch verschlechtert. Auch wenn François de Beauvoir fest am Leben festhielt und mit aller Kraft genesen wollte, wurde ihr Körper doch immer schwächer. Simone de Beauvoir begleitete ihre Mutter sechs Wochen lang, bis zu ihrem „sanften“ Tod und schildert schonungslos die Qualen und Veränderungen. Ein sanfter Tod – darunter versteht de Beauvoir den Tod einer Privilegierten. Françoise de Beauvoir musste in dem Moment ihres Todes nicht alleine sein – auch wenn das Sterben ein einsamer Akt ist. Sie war geborgen, aufgehoben an einem sicheren Ort.

Doch in diesem schmalen Buch, geht es nicht nur um den Tod ihrer Mutter, vielmehr hat de Beauvoir ihn zum Anlass genommen, die schwierige Beziehung zwischen ihnen zu reflektieren. Durch die intensive Zeit am Sterbebett kam sie ihrer Mutter, von der sie sich über viele Jahre hinweg entfremdet hatte, näher. Sie erinnerte sich, konnte neuen Perspektiven Raum geben und so schließlich Abschied nehmen.

Und als ich an diesem Abend ihren Arm sah, in dem ein Leben floss, das nur noch Leid und Qual war, fragte ich mich: Warum? [...] Man gerät in ein Räderwerk, ohnmächtig gegenüber der Diagnose, der Vermutungen und Entscheidungen der Spezialisten. Die Kranke ist ihr Eigentum geworden: Das soll ihnen erst mal jemand entreißen!

In diesen Wochen sah sie sich jedoch den Ärzten ausgeliefert, spürte wie sie ihren Überzeugungen absagte und sich im Angesicht der Entscheidungen hilflos fühlte. Die körperlichen Veränderungen ihrer Mutter beschreibt de Beauvoir sehr offen und ihre Gefühle zu diesem sterbenden Körper zeugen von einer klaren Gedankenwelt, die fast schon distanziert wirkt. Mit einer tiefen Wärme liest man wiederum, dass sie es bereue den leblosen Körper ihrer Mutter so schnell verlassen zu haben, und den „Übergang vom Sein zum Nichts“, wenn der Körper kalt und zu etwas Gegenständlichem geworden ist, nicht beigewohnt zu haben.

In Ein sanfter Tod finden sich eine Vielzahl interessanter Gedanken über das Leben und den Tod, die einen spannenden Einstieg in die Gedankenwelt Simone de Beauvoirs bieten. Es zeigt, dass der Tod auch die großen Philosophen unserer Zeit vor Herausforderungen stellt, wenn sie unmittelbar betroffen sind.

 


Unsere Buchempfehlung
im Monat Juli 2020

Das Jahr magischen Denkens

Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion
List Taschenbuch, 250 Seiten, 11 €

Ein wunderbares Buch mit der Botschaft, dass unsere Trauer individuell ist und es keine falsche oder richtige Art zu trauern gibt.
Eine neue Buchempfehlung von Nele Jacobs (Juli 2020)
 

Ich weiß, warum wir versuchen, die Toten am Leben zu halten: Wir versuchen, sie am Leben zu halten, um sie bei uns zu behalten. Ich weiß auch, dass wenn wir selbst leben wollen, irgendwann der Punkt kommt, an dem wir die Toten auslöschen müssen, sie gehen lassen, sie tot sein lassen müssen.

 

Die Toten am Leben zu halten, den Gedanken der Endgültigkeit verdrängen, die Stille nicht annehmen, die Trauer verdrängen – all das beschreibt Joan Didion in ihrem Roman und schreibt sich zugleich aus diesen Zuständen heraus. Ihr Mittel ihre Trauer anzunehmen und zu verarbeiten ist das Schreiben, ihr Schreiben, dass uns das eindrucksvolle Buch Das Jahr magischen Denkens gebracht hat. Joan Didion, geboren 1934, ist nicht nur eine über die Grenzen der USA bekannte und honorierte Schriftstellerin, sie ist auch Ehefrau und Mutter. Diese beiden Aspekte spielen in ihren autobiographischen Werken eine zentrale Rolle. Mit der Arbeit an ihrem Roman Das Jahr magischen Denkens begann Didion zehn Monate nach dem Tod ihres Mannes John Dunne, der ebenfalls Schriftsteller war. Dunne starb am Abend des 30. Dezembers 2003 an einem Herzinfarkt, nachdem er bereits Jahre zuvor an Herzleiden gelitten hatte.

Was an diesem Tag, in den vorhergegangenen und nachfolgenden Stunden, Tage und Wochen passierte, holte Joan Didion noch Monate nach seinem Tod immer und immer wieder in ihrem Gedächtnis hervor. In ihrer Hilflosigkeit sucht sie nach Zeichen, Botschaften, versucht John wieder zurückzuholen, ihn lebendig zu machen. Denn die Zeit nach Johns Tod waren geprägt von der Sorge um die Tochter Quintana, die zum Zeitpunkt von Johns Tod bereits seit einigen Tagen bewusstlos auf der Intensivstation lag.

„In schwierigen Zeiten, hatte man mir seit der Kindheit beigebracht, soll man lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen. Information heißt Kontrolle.“

Joan Didion lässt eine Vielzahl von Zitaten aus wissenschaftlichen Artikeln, Romanen und Gedichten in ihre Aufzeichnungen einfließen. All diese Texte befragt sie, sucht nach Antworten auf die immer wiederkehrenden Fragen: Wie und vor allem warum? Ihr Verhalten und ihre Reaktionen seziert Didion ganz genau. Sie ist sich ihrer Irrationalität bewusst, weiß, dass sie John nicht zurückholen kann und versucht es doch. Der Trauer lässt sie dabei keinen Raum. „Trauern, die Auseinandersetzung mit Leid, verlangte Aufmerksamkeit. Bisher hatte es jeden erdenklichen Grund gegeben, die Aufmerksamkeit, die ich sonst meiner Trauer gewidmet hätte, nicht zuzulassen, den Gedanken daran zu verbannen, um mich mit frischen Kräften der Krise des Tages zu stellen.“

Joan Didion öffnet sich in diesem Buch, legt ihre Gedanken und Gefühle dar, ihre Zerrissenheit und ihren Schmerz. Und wir, die wir Teil ihres Trauerjahres werden dürfen, finden uns vielleicht sogar in ihren Sätzen und Gedanken wieder. Menschen, die Trauer und Leid erfahren haben, werden nicht nur einmal das Buch beiseitelegen müssen, um es dann sofort wieder zur Hand zu nehmen. Didions persönliche Erforschung von Trauer, Leid, Krankheit und Tod lässt einen nicht los und regt die persönliche Reflektion des eigenen Umgangs mit Trauer und Tod an. Vor allem aber schenkt es uns die wichtige Botschaft, dass unsere Trauer individuell ist und es keine falsche oder richtige Art zu trauern gibt, auch wenn die Gesellschaft uns in feste Muster und Verhaltensweisen zwängen will.

Durch das Schreiben eröffnet sich Joan Didion den Weg in die Trauer und macht eine Entwicklung durch, die der Lesende auf den 250 Seiten mitfühlt. Versucht sie in den ersten Wochen und Monaten John noch zurückzuholen und seinen Tod zu negieren, beginnt die Auseinandersetzung mit seinem Tod und das Verstehen mehr und mehr. Sie blickt auf das Leben mit ihm zurück, auf die gemeinsamen Jahre, mit dem innigen Wunsch die Zeit zurückzudrehen und später mit der Erkenntnis, dass man mit der Veränderung gehen, die Toten tot sein lassen muss. Die letzten Sätze schrieb Didion ein Jahr und einen Tag nach Johns Tod, dem Tage an dem Sie nicht mehr ein Jahr in die Vergangenheit, in das Leben mit John blicken konnte, von dem sie fortan alleine gehen musste, mit der liebevollen Erinnerung an John, ihren Ehemann, besten Freund und schärfsten Kritiker.

Ihre Tochter Quintana starb noch vor der Veröffentlichung des Buches.
Ihr widmete Joan Didion das Buch Blaue Stunden.

 


Unsere Buchempfehlung
im Monat Mai

Nach Mattias

Nach Mattias von Peter Zantingh
Erschienen im Diogenes Verlag, 2020, 240 Seiten gebunden, 22 €

Wieder ein wunderbares Buch gelesen und empfohlen von Nele Jacobs.
Lassen auch Sie sich berühren.
Bestellen Sie doch auch dieses Buch bei Ihrem lokalen Buchhändler.

 


Das Leben kann schnell vorbei sein – so oft liest und hört man von Unfällen, schnellen Krankheitsverläufen oder anderen Schicksalen. Das Leben für diese Menschen nimmt ein plötzliches Ende und zurück bleiben Angehörige, die trauern, für die das Leben kurz stehen bleibt und dann? Dann beginnt eine neue Zeitrechnung eine wie die nach Mattias – das Leben geht weiter. Wie? Da findet jeder seinen Weg und davon schreibt der Niederländer Peter Zantingh in seinem Roman Nach Mattias.

Doch in diesem Buch geht es nicht um Mattias, es geht um viel mehr als diesen Menschen, dessen Name auf dem Buch prangt und über den die Figuren sprechen. In Nach Mattias geht es darum, dass wir alle Individuen sind, dass es keine Regeln gibt, nach denen wir uns verhalten, vor allem nicht in der Trauer. Hinter jedem Menschen, dem wir begegnen, sei es auch nur die flüchtigste der Begegnungen, steckt ein Schicksal, ein Leben, dass uns verschlossen bleibt, von dem wir nicht wissen, und ohne dieses Wissen haben wir auch nicht das Recht, Schlüsse zu ziehen und zu urteilen.

In der realen Welt kann man den Menschen nur vor den Kopf gucken, aber Peter Zantingh eröffnet seinen Lesern einen Zugang zu ganz unterschiedlichen Figuren, die uns direkt ansprechen, die ihre Gedanken darlegen und uns teilhaben lassen. Sie alle verbindet Mattias, auf eine tiefe oder weniger tiefe Weise. Die meisten Figuren erschließen sich einem sofort, bei anderen muss man nach der Verbindung suchen. Und diesen neun Figuren gibt Zantingh eine ganz eigene Stimme, einen eigenen Klang, der sie lebendig macht. In Nach Mattias lesen wir von einem Kumpel, der ein fanatischer Läufer wird, Großeltern, die nur noch Netflix gucken, einer Mutter, die neue Kontakte sucht und einem unglücklichen Alkoholiker.

Durch Mattias lernen wir, dass auch die kürzesten und vermeidlich banalsten Begegnungen einen Eindruck hinterlassen können. Menschen kommen und gehen im Leben, doch bleibt immer ein Eindruck, vielleicht ein flüchtiges Gespräch, das uns zu etwas bewegt. Den Einfluss von anderen Menschen auf unser eigenes Leben sollten wir niemals unterschätzen und uns immer bewusst sein, dass wir nicht alleine sind, nicht alleine trauern, Schmerz verarbeiten. Dass die Welt einen kurzen Moment stillsteht, wir uns alleine fühlen, aber nie alleine sind und dass es auch ein Danach geben wird, dass wir nur den Mut aufbringen müssen, dieses Danach zu wollen, davon erzählt Zantingh in seinem berührenden Buch.


Unsere Buchempfehlung

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese von David Wagner
Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 270 Seiten geb. 22,-- Euro

In diesen Tagen steht für viele von uns die Zeit still.
Diese Tage fühlen sich wie Sonntage an
und die kommenden Tage wohl auch.
Vielleicht haben Sie wieder Lust zu lesen und
diese stille Zeit mit einem guten Buch zu füllen.
Wir möchten Sie anregen mit einer Buchbeschreibung
von Nele Jacobs. (März 2020)
Bestellen Sie das Buch bei einem Buchhändler in Ihrer Nähe,
denn auch er besitzt sicherlich ein "Büchertaxi".


 „Im Grunde ist alles im Leben nur geliehen, Freund. Selbst die Dinge, von denen du dir einbildest, sie gehören dir, sind nur geliehen.
Du verlierst alles wieder. Autos, Häuser, Ehefrauen.“
„Und wer hat sie verliehen?“
„Die Zeit. Und die holt sich alles wieder zurück. Eines Tages wird sie auch dich zurückholen,
dein eigenes Leben hast du nämlich auch nur geliehen. Eines Tages musst du es zurückgeben.“

 

In seinem 2013 erschienen autobiographischen Buch Leben verarbeitete David Wagner seine eigene Krankheitsgeschichte und wurde dafür mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Seinem neuen Roman Der vergessliche Riese liegen ebenfalls Erfahrungen seines Lebens zugrunde und auch hier nimmt sich Wagner eines weiteren großen Themas an – Demenz. Er schreibt von der Liebe zwischen Vater und Sohn, dem Altwerden und Vergessen.

Nach dem Tod seiner zweiten Frau ist der demenzkranke Vater, zu dem der Ich-Erzähler David Jahrzehnte lang nur sporadischen Kontakt hatte, auf Hilfe angewiesen. Seine drei Kinder wechseln sich mit Besuchen in Bonn ab, helfen ihm mit wichtigen Angelegenheiten, organisieren seine Pflege. David kommt in regelmäßigen Abständen aus Berlin angereist, fährt mit seinem Vater auf Familienfeste, zu Beerdigungen und verbringt Weihnachten mit ihm. Erst kann der Vater mit wechselnden Pflegerinnen in seinem Haus leben, bald muss er doch in eine Altenresidenz an den Rhein ziehen. Mit der Zeit vergisst der Vater mehr und schneller. Sein Sohn hilft ihm beim Erinnern, an gute und schlimme Momente ihrer Vergangenheit und dabei kommen sie sich nahe, doch ändert sich die Dynamik ihrer Beziehung auch auf eine Weise.

 

„Ich nehme seine Hand, die mir nun gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher. Sie war mal riesig, jetzt fühlt sie sich an wie eine Kinderhand. Ich drücke sie, halte sie fest.“

 

Die sich ständig wiederholenden Fragen wirken beim Lesen enervierend, und mit Erstaunen merkt man, dass jeder Frage mit großer Geduld begegnet wird. Und der Vater? Er nimmt sein Vergessen mit Humor – „Es ist wie Tante Gretl gesagt hat: Die Dublany sind intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Dieser Satz zieht sich wie ein Mantra durch den Roman.

Wagner erzwingt nicht die Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens, und sucht auch nicht nach Antworten. Seine Sprache ist zurückhaltend und schafft Raum zum Nachdenken. David Wagner schafft es sich dem Thema Demenz auf eine sensible, ruhige Art zu nähern. Dem Roman wohnt keine Schwere inne und doch Ernst. Auch ein leiser Humor schwingt in den Gesprächen mit. Und wenn man das Buch nach der letzten Seite zuklappt, wird man einen Moment der Trauer spüren, vielleicht auch Angst, aber eben auch die Kraft und Liebe, mit der David Wagner von dem Vergessen und Altwerden seines Vaters erzählt.