Das Leben ist Veränderung

"reingedacht"

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Einatmen, aufatmen, durchatmen! Den Duft der ersten zarten Knospen und Blumen wahrnehmen. Frühlingsduft – und zwar endlich nicht mehr nur aus der Weichspüler-Flasche, sondern draußen in der Natur. Die Vögel begrüßen uns morgens mit fröhlichem Gezwitscher und die Sonne taucht die Welt in ein wärmeres Licht. Wie haben wir uns danach gesehnt!

Das, was der Frühling uns jedes Jahr bringt, ist Veränderung. Alles verändert sich, alles endet irgendwann, damit etwas Neues beginnt. Eine Tür schließt sich, eine andere Tür geht auf. Es ist nicht viel Schlimmes daran, dass eine Blume verwelkt. Warum eigentlich nicht? Weil eine neue Blume wächst. Niemand ist traurig darüber, dass jeden Abend ein Tag zu Ende geht. Denn es kommt ein neuer Tag.

Panta rhei − Alles fließt.

So formulierte Platon die sogenannte Flusslehre Heraklits. Die Flusslehre besagt, dass alles fließt und nichts bleibt. Es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln. So, wie das Wasser im Bach immer in Bewegung ist, so sind alle Lebewesen, Pflanzen und Dinge in der Welt immer in Veränderung. Nichts bleibt, wie es ist. Ein Leben vergeht und es kommt ein neues Leben. Wenn alles fließt, dann ist das ein tröstlicher und vor allem zuversichtlicher Gedanke.

 


Wenn trauern eigentlich lieben heißt

"reingedacht"

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Warum tut es so weh, wenn wir trauern? Wir wären nicht traurig, wenn wir den verlorenen Menschen nicht geliebt hätten. Der Schmerz begründet sich auf dem Gefühl des Verlustes. Ein von uns geliebter Mensch ist plötzlich nicht mehr da. Wir können ihn nicht mehr sehen, nicht mehr mit ihm sprechen, ihn nicht mehr in den Arm nehmen. Wir können ihm unsere Liebe nicht mehr zeigen.

Das meinen wir jedenfalls zunächst. Erst später und rückblickend verstehen wir, dass wir die Liebe trotzdem noch spüren und auch versprühen können. Unseren verstorbenen Eltern können wir jederzeit liebevolle Gedanken schicken. Und so leben sie fort. In unseren Herzen sind sie bei uns – immer.

Durch das Gefühl der Trauer können wir so viel lernen. Wenn wir in Verbindung zu anderen Menschen gehen, dann entsteht Trost. Alle Menschen wollen glücklich sein. Jeder von uns sehnt sich nach Liebe und Verbundenheit. Wenn wir also trauern, dann kann es uns helfen, uns bewusst zu machen, dass wir mit diesem Gefühl nicht alleine sind. Viele Menschen haben geliebt und diesen Schmerz des Verlustes erlebt. Wenn wir uns mitfühlend anderen zuwenden, dann wird uns das bewusst. Durch die Verbindung zu anderen und das Verständnis für ihre Gefühle empfinden wir Zugehörigkeit. Wenn Menschen in Zeiten der Trauer auf uns zukommen und uns zeigen, dass sie unseren Schmerz verstehen, dann empfinden wir Trost.

Wenn trauern eigentlich lieben heißt und wenn die Liebe über den Tod hinaus bleibt, dann entsteht Sinnhaftigkeit.

 


Mit Kindern über den Tod reden

"reingedacht"

Bild: Wiebke Jahns

„Wie passt Opa in die Urne? Und wann wacht Oma wieder auf?“

Wenn ein Familienmitglied stirbt, stellen Kinder manchmal Fragen, die einen Erwachsenen zum Schmunzeln oder aber zum Weinen und Verzweifeln bringen. Wie soll man einem Kind „für immer“ erklären, wenn es erst im Grundschulalter ein ausgereiftes Verständnis und Gespür für Zeit entwickelt?

Kinder fragen nur so viel, wie sie auch verstehen können

Eltern wollen ihre Kinder vor dem Negativen im Leben beschützen. Der Tod ist in seiner endgültigen und grausamen Art die Ausgeburt des Bösen – so scheint es. Und trotzdem brauchen Kinder Erklärungen, warum beispielsweise der Papa gestorben ist. Was hatte er für eine Krankheit? War es ein Unfall? Hat er sich selbst das Leben genommen? So schwer die Wahrheit im ersten Moment über die Lippen kommen mag, auch hier gilt die Regel: Ehrlich währt am längsten. Kinder spüren, wenn ihnen nicht die Wahrheit gesagt wird und z.B. von einem Unfall die Rede ist, obwohl der Mensch Suizid begangen hat. Auch wenn die Angehörigen das Kind durch eine (Not-)Lüge schützen wollen, ist es für dieses ein massiver Vertrauensbruch. In Unwissenheit malen sich die Kinder in ihrer Fantasie die tabuisierte Todesursache noch viel grausamer aus und geben sich ggf. selbst eine Teilschuld daran. Auch deshalb ist es wichtig, miteinander über alle Unsicherheiten, Fragen und die eigenen Gefühle zu sprechen. Kinder wollen wissen, was geschehen ist und wie es weitergeht. Seien Sie also ehrlich, aber überfordern Sie die Kinder nicht mit zu vielen Informationen und dem eigenen Kummer. Die jüngsten Familienmitglieder wissen meistens ganz genau, wie viel sie wissen möchten. Wenn die Informationen ausreichen, fragen sie nicht weiter oder beschäftigen sich mit anderen Dingen. Wichtig ist, die Kinder mit ihren Fragen ernst zu nehmen und auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Die meisten Missverständnisse und Konflikte entstehen, wenn die Eltern in einem tiefen Meer aus Trauer gefangen sind, aber ihre Kinder schon wieder lachen können. In einem Moment sind sie noch zu Tode betrübt, im nächsten schon wieder himmelhoch jauchzend. Sie können lachen und spielen: Dieses Verhalten ist bei Kindern nach einem Verlusterlebnis normal. In manchen Phasen trauern auch Kinder mit Leib und Seele. Ein gesagtes Wort, ein Gegenstand oder andere banale Dinge können der Auslöser sein. Im nächsten Moment wischen sie sich die Tränen aus dem Gesicht und widmen sich etwas anderem – und zwar in einem Tempo, das für Erwachsene emotional schwer nachvollziehbar ist. Vorwürfe à la „Du trauerst gar nicht richtig“ sind hier fehl am Platz.

Wenn in einer Familie ein Mensch stirbt, gerät das ganze System, so wie es vorher war, aus dem Gleichgewicht. Kinder trauern anders als Erwachsene und haben mitunter ein noch nicht ganz ausgereiftes Todesverständnis. Deshalb sollte man ihnen die Situation erklären. Wenn die Eltern dafür selbst nicht die Kraft aufbringen können, ist es ratsam, Familienangehörige und Freunde oder aber auch eine/n Trauerbegeleiter/in um Unterstützung zu bitten. Das Wichtigste ist, den Kontakt zueinander nicht zu verlieren und immer wieder miteinander zu sprechen und zu akzeptieren, wenn jeder auf seine individuelle Art und Weise trauert.


Über den Tod sprechen und warum das wichtig ist

"reingedacht"

Bild: Wiebke Jahns

Wenn Menschen älter werden, beginnen sie vermehrt, über den Tod zu sprechen, und beginnen Sätze mit der Floskel: „Wenn ich dann irgendwann nicht mehr bin.“ Die Kinder und Urenkel tun diese Bemerkungen ab: „Ach, Oma. Noch ist es doch nicht so weit.“ Soweit wie möglich wird es vermieden, über das Unvermeidliche zu sprechen.

Früher haben Familien mit mehreren Generationen im selben Haus gewohnt und es war selbstverständlich, füreinander Verantwortung zu übernehmen. Erst kümmern sich Eltern um ihre Kinder und später ist es dann umgekehrt. Die Themen Pflegebedürftigkeit, Krankheit und Alter sind nicht leicht anzusprechen, denn die Selbstbestimmung möchte niemand gerne aufgeben. Und doch geht es beim Thema Vorsorge mitunter auch um das „Was wäre, wenn?“.

Was wäre, wenn die Mutter im Koma liegt?

Was wäre, wenn der Vater in Folge einer Krankheit seine Arme und Beine nicht mehr bewegen kann?

Was wäre, wenn die Eltern an Demenz erkranken und irgendwann ihr Leben nicht mehr selbst bestreiten können?

Wer sich nicht frühzeitig um das Thema Betreuung kümmert und keine Vollmacht verfasst, bekommt im Fall der Fälle einen gesetzlichen Vormund bestellt, auch wenn es noch Kinder oder andere Verwandte gibt. Sowohl für die Betroffenen selbst als auch für die Angehörigen, die nun jeglicher Entscheidungsgewalt entmachtet werden, ist dies eine schreckliche Vorstellung. Ein Argument mehr, mit der Familie oder engen Freunden über die „Was wäre, wenn?“-Fragen zu sprechen.

Was wäre, wenn ich morgen sterbe?

Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, Testament, Bestattungsvorsorge – nicht jeder Mensch benötigt alles. Am wichtigsten ist es, einfach einmal miteinander zu sprechen. Im Falle von medizinischer Versorgung: Was ist einem selbst wichtiger? Lebensdauer oder Lebensqualität? Im Falle des eigenen Todes: Wo möchte man bestattet werden? Gibt es bereits ein Grab? Wurde finanziell vorgesorgt? Die wichtigsten Erkenntnisse sollten in der jeweils rechtsgültigen Form festgehalten werden. Aber was nutzt ein ausgereifter Plan, wenn davon niemand weiß und die Unterlagen in dieser Situation nicht sofort auffindbar sind? Oma wollte nicht wiederbelebt werden? Zu spät.

Wenn der Vater schon zu Lebzeiten die Entscheidung getroffen hat, im Falle des Todes in einem Wald bestattet zu werden, entlastet das die trauernden Angehörigen, da sie nicht darüber nachgrübeln und streiten müssen, welche Bestattungsart in seinem Sinne gewesen wäre. Sie haben Zeit, Abschied zu nehmen und sich der Trauer zu widmen. Warum soll man eine pompöse Trauerfeier veranstalten, wenn das geheuchelt wäre? Warum sollte man es schlicht und einfach halten, wenn der Verstorbene gerne große Feste feierte und so noch einmal alle zusammenkommen können?

Würde bedeutet, im Sinne des Verstorbenen zu handeln

In meinem Heimatort gab es einen Taubenzüchter, der keine Familie hatte. Seine Vereinskollegen und die Tauben waren alles, was ihm blieb. Als er schwer erkrankte, war bereits geklärt, wer sich um die Tiere kümmert und diese auch im Fall der Fälle weiter versorgt. Und er sprach zu seinen Freunden, er wünsche sich nichts, außer dass sie nach seiner Beisetzung auf ihn trinken sollen. Als er gestorben war, haben sich alle Vereinskollegen zusammengefunden und ihm in der Kneipe die letzte Ehre erwiesen, so, wie er es sich gewünscht hat.

Wenn nicht darüber gesprochen wurde, neigen Menschen in der Unwissenheit dazu, Entscheidungen zu treffen, weil sie diese für sich selbst für richtig halten würden. So streiten die Kinder darüber, ob die Urne des Vaters im Meer, auf dem Friedhof oder an einem Baum beigesetzt werden soll und vergessen dabei gänzlich, was er sich selbst gewünscht hätte. Natürlich ist eine Trauerfeier größtenteils für die Angehörigen da. Wenn man weiß, was der Verstorbene sich wünschte, ist es ein Stückchen leichter, den Tod anzunehmen und trauern zu können.

 


Per Anhalter bis zum Lebensende und wieder zurück

Aus der Serie "Bauchgedanken"

 Bild: Wiebke Jahns

Jede Zeit hat ihre Rebellen. Sie schwimmen gegen den Strom und tun das, was andere verurteilen – das, wovor andere Angst haben, und das, wofür sie belächelt werden. Das Reisen per Anhalter ist zwar seltener geworden, aber noch lange nicht tot. Auf meinen Reisen bin ich den verschiedensten Menschen begegnet: jung, alt, unterschiedlicher Herkunft, Männer, Frauen. Was alle eint, ist die Tatsache, dass ihr Leben endlich ist.

Einen Schicksalsschlag sieht man keinem an der Nasenspitze an und doch hat jeder sein eigenes Päckchen zu tragen. Der Mensch wurde oder wird irgendwann im Leben mit der Endlichkeit desselben konfrontiert. In diesen vermeintlich flüchtigen Begegnungsmomenten beim Reisen per Anhalter wird das Auto zur mobilen Sprechstunde. Man steigt zu Unbekannten ins Auto und nach der gemeinsamen Fahrt sieht man sich mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder.

Wenn ein Mensch stirbt, sind die eigenen Freunde der traurigen und ewig gleichen Geschichten irgendwann überdrüssig geworden. So öffnen sie einem völlig fremden Menschen während einer Autofahrt ihr Herz und reden sich den Kummer von der Seele. Auf der Strecke von Bielefeld Richtung Frankfurt begegnete ich einem Mann, der wenige Wochen zuvor seine Lebensgefährtin verloren hatte. Er erzählte, wie er versuchte, sie wiederzubeleben, und sie schließlich in seinen Armen starb. 51 Jahre. Das ist eigentlich kein Alter, um zu sterben. Doch der Tod hält sich nicht an Regeln. Er kennt kein Gesetz. Niemand weiß, wann der Tag gekommen ist. Beim Trampen bin ich mir dessen mehr als bewusst. Häufig werde ich gefragt, ob ich denn keine Angst habe, dass mir etwas zustoßen könnte. Natürlich ist das möglich, aber ich versuche, es zu verdrängen – genauso erfolgreich, wie andere ihre eigene Sterblichkeit verdrängen. Wo die Angst regiert, brauche ich gar nicht erst zu beginnen, mein Leben zu leben.

Viele der Begegnungen und Gespräche haben mich gelehrt, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod wichtig ist, aber die Angst vor dem Tod, vor Unfällen, Terror, Naturkatastrophen und Flugzeugabstürzen nicht unser Leben regieren darf. Eine Frau erzählte mir von dem Tag, als ihre Mutter starb. Sie hatte sie gepflegt, sich gekümmert und sie bis zuletzt begleiten dürfen. Dabei zu sein, wie ihre Mutter den letzten Atemzug tat, war für sie eine sehr tröstliche Erfahrung. Aus ihrem Mund klang es so wahrhaftig und ehrlich. Natürlich geht jeder Mensch anders damit um, wenn ein nahestehender Mensch stirbt. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Aber sich vor dem Tod nicht zu verschließen, hilft dem Menschen auf so vielen Ebenen:

Wie möchte ich mein eigenes Leben gestalten?

Welche Aufgabe habe ich, während ich auf dieser Erde weile?

Was gibt meinem Leben einen Sinn?

Welche Menschen sind mir wichtig und von welchen sollte ich mich trennen oder distanzieren? Wer tut mir wirklich gut?

Warum müssen viele Menschen erst den radikalsten Schicksalsschlag – den Tod eines Angehörigen – erleiden, um sich diesen existenziellen Fragen zu stellen? Das Reisen per Anhalter ist darum auch eine Reise zu mir selbst. Die Begegnungen führen mir die unterschiedlichsten Lebensgeschichten vor Augen. Zwei Menschen, in einem Raum. Ich bewerte nicht, höre nur zu und bin einfach da. Das ist, was ich zurückgeben kann. Der Tod eint die Menschen, denn früher oder später ist jeder betroffen. Ganz egal, ob zwei Menschen z.B. politisch einer Meinung sind, ob sie gleich alt sind oder Generationen zwischen ihnen liegen. Das spielt keine Rolle, wenn wir uns gegenseitig mit Wohlwollen begegnen und aufhören, den Tod zu verdrängen. Wenn wir endlich anfangen, offener darüber zu sprechen, fühlen sich auch Trauernde nicht mehr so alleingelassen. Natürlich dränge ich das Thema niemandem auf, aber je natürlicher der eigene Umgang damit ist, desto unbefangener begegnen wir unserem eigenen Leben und dem Tod. So versuche ich, mit gutem Beispiel voranzugehen, und bin noch lange nicht müde.

 


Auch mal Ballast abwerfen – äußerlich & innerlich

Aus der Serie "Bauchgedanken"

Bild: By W.carter - Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62264805

Spätestens bei einem Umzug wird uns meist bewusst, wie viel „Kram“ sich eigentlich in den letzten Jahren angesammelt hat. Einen Teil davon können wir sicherlich rechtzeitig aussortieren, vermutlich wird aber einiges wieder im Keller oder auf dem Dachboden verschwinden – bis wir dann das nächste Mal umziehen und der ganze Spaß von vorne beginnt. Es ist vertrackt: Etwas endgültig wegzugeben, fällt uns häufig schwer. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir es wirklich brauchen. Und so schleppen wir immer mehr mit uns herum als eigentlich nötig wäre.

Dabei kann es sehr erleichternd sein, sich von Dingen zu trennen. Wie beim Heißluftballon, der mit dem Abwerfen der Sandsäcke höhersteigen kann. Wenn wir keine Verwendung mehr für etwas haben, belastet es uns bloß. Indem es unnötig Raum einnimmt oder wir es gar von A nach B räumen müssen, damit es uns nicht im Weg steht. Deshalb ist es sinnvoll, von Zeit zu Zeit eine kleine Entschlackungskur vorzunehmen und generell gut zu überlegen, was wir eigentlich dauerhaft behalten wollen. Kleiner Tipp dazu: Machen Sie ein Foto von jenen Gegenständen, mit denen Sie besondere Erinnerungen verbinden. Manchmal reicht das schon aus, um die Vergangenheit zu ankern, und sie haben anschließend mehr Platz im Schrank oder anderswo.

Das Prinzip des Ballastabwerfens gilt übrigens nicht nur für Gegenständliches, sondern auch für Gedanken und Gefühle. Wenn wir zig verschiedene Ideen mit uns herumtragen oder immer wieder an unbeendete Projekte denken müssen, blockieren wir uns schnell selbst – denn die Zeit reicht einfach nicht, um alles umzusetzen. Also lohnt es sich, hier ebenfalls auszusortieren und einen Großteil unserer Vorhaben zumindest zeitweise ad acta zu legen. So können wir uns voll und ganz auf das fokussieren, was aktuell wichtig ist. Und verspüren schneller wieder das motivierende Gefühl, wirklich voranzukommen.

Nehmen Sie sich doch einfach mal die Zeit, um Wichtiges von Unwichtigem zu trennen – äußerlich wie innerlich. Schließlich schadet es ja nicht, es zumindest einmal auszuprobieren.

 


Wie viel darf die Angst bestimmen – und wie viel wir selbst?

Aus der Serie "Bauchgedanken"

Bild:Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / “Haltern am See, Stausee, Anleger -- 2016 -- 2859” / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es sind aufwühlende Zeiten. Die Flüchtlingskrise hat in der jüngsten Vergangenheit stark polarisiert und uns vor so manche Herausforderung gestellt – auch und gerade in menschlicher Hinsicht. Parallel dazu hat die Angst vor Terroranschlägen massiv zugenommen. Plötzlich geschieht es nicht mehr nur weit weg, sondern ganz in unserer Nähe. Erst kürzlich war die Rede davon, dass im nächsten Schritt Schnellzüge zum Entgleisen gebracht werden sollen. Und sicherlich wird es sich so mancher nun zweimal überlegen, ob er eine Fahrt bucht oder nicht doch lieber ins Auto steigt. Dabei ist es wie mit dem Fliegen: Rein statistisch gesehen, ist die Gefahr viel geringer, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen als bei einem Autounfall.

Ein gewisses Risiko ist natürlich in beiden Fällen vorhanden – aber keines, dem wir mit Angst begegnen sollten. Denn wenn wir uns von unserer Furcht leiten lassen, hat das fatale Auswirkungen auf unsere Lebensqualität. Was machen wir denn, wenn wir jetzt auch noch Angst bekommen, ins Auto zu steigen? Und wo lauert denn noch überall Gefahr? Wenn wir ganz sicher sein wollen, dürften wir das Haus nicht mehr verlassen. Und selbst da sind die Risikofaktoren einfach nicht auszumerzen.

Es ist leicht, Angst zu haben. Doch war sie noch nie ein guter Ratgeber – vielmehr bringt sie uns häufig dazu, entgegen unserem Wissen und unserem Bauchgefühl zu handeln. Deswegen ist es wichtig, ihr nicht zu viel Raum zuzugestehen und stattdessen zu akzeptieren, dass es eine völlige Sicherheit niemals geben kann. Denn so können wir wieder bedacht an Entscheidungen herangehen und uns auf das fokussieren, was wir wirklich in der Hand haben: Was für ein Mensch wir sein wollen und wie wir dem Leben begegnen möchten. Und wenn wir etwas für mehr Sicherheit tun wollen, dann dürfen wir das natürlich – aber bitte wohlüberlegt, sodass wir uns danach wirklich besser fühlen. Und nicht bloß noch mehr Angst haben.

 


Was, wenn ich nur noch einen Monat zu leben hätte …?

Aus der Serie "Bauchgedanken"

Bild:By Thomas Wolf, www.foto-tw.de, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60281810

Was würde ich dann tun? Würde ich tatsächlich noch etwas verändern wollen in dieser kurzen Zeit? Würde ich schnell noch ein paar meiner Träume verwirklichen? Oder würde ich mich dadurch bloß schlechter fühlen, weil ich scheitern könnte und keine Chance mehr habe auf einen nächsten Versuch? Würde ich vielleicht doch einfach weitermachen wie bisher?

Was würde ich noch schnell erledigen, solange die Zeit dafür bleibt? Testament, Bestattungsfragen, wer nimmt die Katzen? Es gibt genug zu tun, wenn man noch die Gelegenheit dazu hat. Aber was davon ist mir wirklich wichtig? Um was würde ich mich tatsächlich kümmern, wenn es hart auf hart kommt?

Würde ich mir tatsächlich noch die Mühe machen, hinter mir aufzuräumen? Oder würde ich vielmehr versuchen, die letzten Momente so gut es geht zu genießen – auch auf die Gefahr hin, eine Spur des Chaos zu hinterlassen? Wer könnte mir das schon übel nehmen? Wo liegen die wahren Prioritäten, wenn alles andere unbedeutend wird? Was ist richtig? Und vor allem: Was fühlt sich für mich richtig an?

Und würde ich bereuen? Mir wünschen, mehr aus meinem Leben gemacht zu machen? Oder vielleicht auch weniger und dafür mehr Zeit mit meinen Kindern verbracht zu haben oder mit anderen Menschen, die mir lieb sind? Gäbe es denn einen Grund, zu bereuen?

Oder könnte ich guten Gewissens loslassen, im Wissen, ein glückliches Leben geführt zu haben? Führe ich ein solches Leben? Und falls nicht – warum?

Diese und viele andere Fragen können sehr bedeutend sein. Deswegen sollten wir sie nicht erst stellen, wenn es vielleicht schon zu spät ist. Sondern jetzt und hier. Und immer wieder mal zwischendurch. Denn so können wir unseren Fokus auf das richten, was wirklich von Bedeutung ist.

 


Wenn da plötzlich diese riesige Wand vor uns steht

aus der Serie "Bauchgedanken"

Bild: Von Dietmar Rabich - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51050967 

Wie viel Zeit unseres Lebens verschwenden wir damit, gegen Wände zu laufen? Wenn etwas schiefgeht oder nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben, worauf konzentrieren wir uns dann? Auf das Loslassen und Weitermachen – nun aber auf anderen Wegen? Oder nicht doch vielmehr auf den Schmerz über das Scheitern und den verzweifelten Wunsch nach einer göttlichen Fügung?

Ob es sich um ein verpatztes Bewerbungsgespräch handelt, eine zerbrochene Beziehung oder gar den Verlust eines geliebten Menschen – es dauert meist eine ganze Weile, bis wir die Situation akzeptieren und den Blick wieder öffnen können. Da ist plötzlich diese riesige Mauer vor uns und wir müssen irgendwie hindurch. Also rennen wir dagegen an, wieder und wieder. Aber warum wollen wir überhaupt hindurch? Ist es denn nicht besser, einen Schritt zurückzutreten und einen Weg zu suchen, der an ihr vorbeiführt?

Wir tun weder uns noch anderen einen Gefallen damit, wenn wir der Wut oder dem Schmerz zu viel Raum zugestehen. Wenn wir zulassen, dass sie unser Handeln bestimmen. In den meisten Fällen machen wir es dadurch sogar noch viel schlimmer, steigern uns womöglich mehr und mehr hinein, bis uns die Ereignisse irgendwann vollkommen lähmen. Sicher, es ist schwer, manchmal sogar unmöglich, seine Gefühlswelt zu kontrollieren. Doch wir können es zumindest versuchen, können die Situation zu akzeptieren lernen. Manchmal muss man erst loslassen, um wieder klar sehen zu können. Das braucht Zeit. Doch diese Zeit können wir uns nehmen.

Wenn wir die Dinge selbst nicht ändern können, dann können wir immer noch unseren Umgang mit ihnen verändern. Können uns auf die guten Aspekte konzentrieren, so klein sie auch sein mögen. Aus Fehlern lernen, schöne Erinnerungen bewahren, das wertschätzen, was wir haben. Das hilft vielleicht nur minimal. Aber es ist besser, als gegen Wände zu laufen.


Gestern habe ich über den Tod nachgedacht ….

aus der Serie "Bauchgedanken"

By Charlesjsharp - Own work, from Sharp Photography, sharpphotography, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49684512

 Gestern habe ich darüber nachgedacht, was wohl passiert, wenn ich mal tot bin. Also ob ich dann in den Himmel komme und so. Wie es da so aussieht und ob es den Menschen da gut geht. Dann habe ich mich gefragt, ob es den Himmel überhaupt gibt. Meine Schwester hat gesagt, das alles ist Blödsinn. Wenn wir tot sind, dann sind wir tot. Da ist dann nichts mehr. Nur Schwärze und so.

Ich weiß nicht, ob sie recht hat. Mama glaubt an den Himmel und ich weiß, dass Mama oft recht hat. Also hoffe ich, dass es den Himmel gibt und dass ich mal dorthin komme. Aber ich weiß es ja nicht und wenn es soweit ist, dann kann ich ja eh nichts daran ändern. Also brauche ich auch nicht darüber nachzudenken.

Nur gibt es ja dann nicht nur mich, wo immer ich dann bin, sondern auch die anderen: meine Schwester und meinen Bruder und meine Mama und meinen Papa und Oma und Opa und meine andere Oma und meinen anderen Opa. Die sind bestimmt traurig, weil ich nicht mehr da bin. Sie wollen bestimmt auch, dass ich es gut habe und dass meine Beerdigung schön ist. Und dann habe ich über Beerdigungen nachgedacht.

Das ist ja ganz unterschiedlich. Die Oma von meiner Freundin wurde auf einem Friedhof beigesetzt, wie sich das gehört, aber der Vater von einem aus meiner Klasse, der wurde erst verbrannt und dann wurde die Asche mitten auf dem Meer begraben. Also begraben ist ja nicht das richtige Wort, sie wurde einfach in so einem Gefäß ins Wasser gelassen. Und dieses Gefäß löst sich dann auf und dann ist dieser Mensch da mitten im Meer, überall.

Ich finde, das ist ein schöner Gedanke, überall im Meer zu sein. Ich habe darüber nachgedacht, dass ich das auch gerne so hätte. Da schwimme ich dann in ganz kleinen Teilchen im Wasser und kann die ganze Welt sehen. Das Meer ist ja riesig und ich kann überallhin. Und wenn es warm ist, dann gibt es Wasserdampf und vielleicht bin ich dann auch in dem Wasserdampf und steige nach oben in den Himmel. Und wenn es da oben dann kalt wird, dann komme ich als Schnee oder Regen wieder herunter und kehre zurück ins Wasser. Dann bin ich ein Teil des Wasserkreislaufs, wie wir ihn in Erdkunde gelernt haben. Das ist doch voll schön, oder? Wenn wir uns jetzt vorstellen, all die Menschen, die jetzt nicht mehr da sind, sind die ganze Zeit im Wasser oder in der Luft. Also, ich find‘ das toll.

Aber dann habe ich gedacht, dass Mama das vielleicht nicht so schön findet. Als Uropa und dann Uroma gestorben sind, da gab es so eine richtig riesige Beerdigung und da denkt sie manchmal noch dran und wenn es ihr schlecht geht, dann geht sie zum Friedhof und besucht Uroma und Uropa. Sie nimmt dann immer Blumen mit und legt sie aufs Grab und manchmal nimmt sie auch eine Kerze mit. Einmal haben wir die zusammen angezündet. Mama hat gesagt, das Feuer ist wie die Erinnerung. Wir haben sie die ganze Zeit bei uns und können sie jederzeit hervorholen, indem wir an jemanden denken. Wenn wir ganz fest an jemanden denken, dann ist das wie diese Kerze, die für eine Weile ganz hell leuchtet. Damit halten wir die Erinnerung am Leben, indem wir sie immer wieder leuchten lassen. Dann wissen wir, dass sie noch da ist, und sie gibt uns Licht, wenn wir uns mal so fühlen, als wäre alles dunkel, weil wir traurig sind.

Jedenfalls weiß ich, dass Mama das nicht so gut fände, wenn ich überall im Wasser und in der Luft wäre. Ihr ist es bestimmt lieber, wenn ich einen schönen Platz auf dem Friedhof habe. Und wenn sie mal traurig ist, dann kommt sie mich besuchen und wir reden ein bisschen. Natürlich können wir nicht wirklich miteinander reden, aber manchmal fühlt sich das auf dem Friedhof so an, als ob das geht. Das ist dann richtig schön. Ich habe das auch mal gemacht mit Uroma und Uropa und obwohl ich die beiden gar nicht so richtig kannte, hat sich das gut angefühlt. Es waren auch ganz, ganz liebe Menschen, hat Mama gesagt. Und sie waren immer für uns da und haben oft auf mich und Lara aufgepasst, wenn Mama und Papa mal unterwegs sein mussten. Und wir haben uns immer darauf gefreut, sagt Mama.

Ich habe mal gehört, dass Friedhöfe manchmal auch anders sein können. Also nicht so, dass ein Grabstein neben dem anderen steht. Sondern da gibt es schöne Bäume und unter den Bäumen liegen dann die Menschen und die Bäume passen auf sie auf. Ich glaube, so etwas will ich auch. Dann bin ich zwar auf dem Friedhof, aber es ist doch irgendwie, als wäre ich in der Natur. Dann kann ich vielleicht doch ein Teil der Natur sein und wenn Mama mich besuchen kommen möchte, dann kommt sie einfach vorbei.

Weil ich das alles so wichtig finde, habe ich dann noch viel mehr über meine Beerdigung nachgedacht. Auch wen ich dahaben will und wie das alles dann so abläuft. Ich will, dass es die Leute auf meiner Beerdigung gut haben und deswegen gibt es auch ganz lecker Essen. Aber erst danach, denn auf dem Friedhof isst man ja nicht. Ich will auch so schöne Musik haben, die dann gespielt wird, und ganz viele Blumen. Ich mag Blumen und wenn die überall sind, dann freut sich Oma bestimmt ganz doll, weil die mag auch voll gerne Blumen.

Ich hab‘ das dann aufgeschrieben und dabei sind mir noch ganz viele Gedanken gekommen. Wie der Sarg aussehen soll oder ich glaube, wenn ich unter einem Baum sein möchte, dann ist das eine Urne. Ganz bunt soll die sein. Sowas gibt es auch schon. Ich habe mir an Papas Computer ein paar Bilder angeguckt und dann eine ausgesucht. Ich habe auch aufgeschrieben, wer alles kommen soll, und die sollen alle ganz schöne Karten bekommen als Einladung. Bei Uroma war da ein Bild von ihr drauf, aber ich möchte ein Bild von unserer ganzen Familie. Das ist viel schöner, weil das heißt, dass wir dann immer noch zusammen sind. In Gedanken jedenfalls, weil wir uns ganz doll liebhaben.

Als ich dann alles auf einen Zettel geschrieben habe und sogar Bilder dazu gemalt, habe ich es Papa gezeigt. Er hat mich erst ganz komisch angesehen und mich gefragt, warum ich denn über so etwas nachdenke. Aber als ich dann gesagt habe, dass das wichtig ist, weil ja sonst keiner weiß, wie ich das haben will, hat er gelacht. Und dann hat er gesagt, dass man das auch beim Bestatter machen kann, und der schreibt das dann alles für einen auf. Als ich gefragt habe, ob er das gemacht hat, hat er bloß mit dem Kopf geschüttelt. Also habe ich gesagt, dass wir ja zusammen mal hingehen können, ich mit meinen Zetteln und er kann sich ja auch mal Gedanken machen. Ich helfe ihm auch dabei. Dann hat er wieder gelacht, aber nur kurz. Plötzlich hat er so ernst geguckt. Das macht er immer, wenn er ganz doll nachdenkt. Und dann hat er gesagt, in Ordnung, das machen wir. Jetzt gehen wir bald zusammen zum Bestatter. Ich bin gespannt, was der sagt.


Stark durch Schwäche – leben im Bewusstsein der Endlichkeit

aus der Serie "Bauchgedanken" # 10

Bild: Von Frank Fox - http://www.mikro-foto.de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20217344 

Ist Ihnen das Bärtierchen ein Begriff? Nein? Wahrscheinlich sind Sie ihm bereits begegnet, aber sicher ist es Ihnen nicht weiter aufgefallen. Das Bärtierchen ist nämlich sehr klein – weniger als einen Millimeter groß. Dafür ist es sehr niedlich. Aber eben nur, wenn man es auch sieht.

Die eigentliche Besonderheit am Bärtierchen ist aber, dass es als quasi unzerstörbar gilt. Bärtierchen können sich in eine Art Starre (genannt Kryptobiose) versetzen und in diesem Zustand jahrelang verharren, bis sie schließlich wieder zum Leben erwachen. Sie sind absolut widerstandsfähig und brauchen sich um kaum etwas Sorgen zu machen – ganz im Gegensatz zu uns.

Wir Menschen sind geprägt von der Vorstellung, dass es eines Tages vorbei sein könnte. Und nicht nur eines Tages, sondern vielleicht sogar jeden Moment. „Lebe jeden Tag, als könnte er dein letzter sein“ – so lautet ein viel zitiertes Motto. Und das ist es letztendlich, was uns ausmacht: Wir sind uns unserer Endlichkeit bewusst. Gerade dadurch lernen wir den Moment zu schätzen.

Doch dieses Konstrukt hält immer nur so lange, bis wir einmal direkt mit unserer Endlichkeit konfrontiert werden. Im Angesicht eines Verlustes ist es leicht, den Sinn hinter dem eigenen Sein komplett infrage zu stellen. Der Gedanke hat etwas Verführerisches und zugleich durch und durch Destruktives. Es ist zu leicht, sich der Verzweiflung hinzugeben. Am Ende ist es das Wiederaufstehen, das wirklich Sinn macht.

Es ist schwer, die Momente des Alleinseins zu überstehen, wenn uns gerade ein wichtiger und lieber Mensch genommen wurde. Es ist leicht, die Endlichkeit als große Bürde zu verstehen – aber in Wahrheit ist sie noch immer ein Geschenk. Wie oft haben wir das Gefühl, unsere Zeit nicht ausreichend genutzt zu haben? Den wichtigen Menschen und Dingen nicht hinreichend Aufmerksamkeit geschenkt zu haben? Erst wenn etwas weg ist oder zumindest im Verschwinden begriffen, wird uns wirklich bewusst, wie wertvoll es eigentlich für uns ist. Und ist es nicht genauso mit dem Leben? Wenn wir nicht wüssten, dass es eines Tages endet – was würden wir denn noch mit unserer Zeit anstellen?

Wir sind keine Bärtierchen. Wir haben nicht diese unglaublichen körperlichen Fähigkeiten, um jeglichen Widerständen zu trotzen. Aber wir haben unser Denken, unser Bewusstsein, unser Leben im Augenblick. Und das sollte doch allemal Grund genug sein, um immer wieder aufzustehen und die uns gegebene Zeit zu nutzen und zu genießen. Das Leben zu spüren – im Guten wie im Schlechten.


Friedhof verändern – Teil 1: Anker der Erinnerung statt Abstellgleis

aus der Serie "Bauchgedanken" # 8

 

Friedhöfe sind toll: Da ist ein Ort für jene Menschen, die uns entrissen wurden, und wir können jederzeit dorthin, um sie zu besuchen. Natürlich nicht „besuchen“ in dem Sinne, wie wir alte Freunde besuchen – dennoch gibt uns die Grabstelle ein besonderes Gefühl der Nähe und der Verbundenheit.

Und warum gehen wir dann nicht regelmäßiger auf den Friedhof?

Doch Friedhöfe sind oft auch alt und insgesamt wenig attraktiv. Das Grusel-Flair aus Kindheitstagen geistert noch immer leise durch den Hinterkopf und findet sich bloß bestätigt, wenn bei einem dieser lästigen Pflichtbesuche wieder alles durch und durch nach Friedhof aussieht. Park ist irgendwie schöner.

Aber das ist auch nur ein Teil der Wahrheit.

Der eigentliche Grund besteht darin, dass wir Friedhof unmittelbar mit dem Tod verbinden – und wir haben Angst vor dem Tod. Obwohl oder gerade weil er zu jenen Themen gehört, die wirklich jeden von uns betreffen, schieben wir ihn so weit wie möglich von uns weg. Und mit ihm auch jene Menschen, die wir an ihn verloren haben. Friedhof ist ein bisschen wie Altersheim: Es ist ein gutes Gefühl, einen nahestehenden Menschen dort gut aufgehoben zu wissen. Aber der Gedanke an einen Besuch verursacht immer ein leicht mulmiges Gefühl.

Sicherlich wäre es gut für uns alle, den Tod als Tabuthema aufzubrechen. Gespräche über ihn gesellschaftsfähig zu machen. Es wäre vermutlich ein befreiender Schritt – dafür sicherlich kein leichter.

Fangen wir also klein an: mit dem Friedhof.

Wenn ich einen Friedhof betrete, dann denke ich nicht an den Tod – sondern an einzigartige Menschen und an das Leben, das sie geführt haben. Wäre das Leben ein Film, dann wäre der Tod bloß der Abspann. Er gehört dazu. Aber er ist nicht das, weswegen wir uns einen Film noch mal anschauen.

In Dortmund weiden Schafe mitten auf einer Wiese auf dem Hauptfriedhof. Und es soll dort sogar mal ein Mann gelebt haben – so sagt man sich.

Sicher haben daran vor allem jene zu drehen, die Friedhofsverordnungen aufsetzen – aber grundsätzlich ändern muss sich etwas erst mal ganz woanders: in unser aller Köpfen.

 

 


Friedhof verändern – Teil 2: In die Mitte des Lebens rücken

aus der Serie "Bauchgedanken" # 9

By --Böhringer (Own work) [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

Wenn Sie sich einen Ort vorstellen, an dem Sie morgens vor der Arbeit eine Runde joggen gehen, wo Sie in der Mittagspause die warmen Sonnenstrahlen auf den geschlossenen Augenlidern genießen und dann am Nachmittag gemeinsam mit Ihren Kindern eine Picknickdecke ausbreiten, um den Alltagsquerelen zum Trotz einige dieser so wertvollen Kodak-Momente zu erleben – woran denken Sie da? Sicher nicht an Friedhof. Aber wäre das so absurd?

Die meisten Friedhöfe sind sehr stille und irgendwie auch ein wenig trostlose Orte. Menschen kommen hierher, um zu trauern. Jeder Ausdruck von Fröhlichkeit oder gar ein glockenklares Lachen, das über die Gräber schallt, käme einem Frevel gleich. Es ist allgemeiner Konsens, sich auf einem Friedhof möglichst ruhig und „respektvoll“ zu verhalten. Das gehört sich einfach so.

Das Problem dabei ist: Der Friedhof, so wie er jetzt besteht, ist vom Aussterben bedroht. – Ironie des Todes, könnte man sagen.

Immer weniger Menschen legen wirklich Wert auf ein schönes Grab. Und warum auch, wenn dieser Wert kaum noch spürbar ist? Lohnt sich der Aufwand denn überhaupt für den obligatorischen Friedhofsbesuch einmal im Jahr? Da können wir doch lieber gleich die Sparvariante nehmen. Die, bei deren Anblick sich die Trauer quasi ganz von alleine einstellt.

Doch es geht auch anders – an manchen Orten bereits heute schon:

Mitten auf dem Dortmunder Hauptfriedhof weiden Schafe auf einer großen Wiese. Tagsüber trifft man auf den Wegen immer mal wieder Sportler an, teils sogar in größeren Gruppen. Auch die Tier- und Pflanzenwelt zeigt sich hier von ihrer besten Seite. Es gibt viel zu sehen. Eine Zeit lang soll sogar einmal ein Mann auf diesem Friedhof gelebt haben – so sagt man sich.

Dieses und andere Beispiele geben einen kleinen Ausblick auf das, was Friedhof werden kann: ein Ort, der den Tod und das Leben vereint. Hier geht es nicht nur um Trauer, sondern vielmehr um all die schönen Erinnerungen, die uns auch weiterhin begleiten. Doch damit das möglich ist, müssen wir den Friedhof mehr in unsere Mitte rücken und offener mit diesem Thema umgehen – miteinander sprechen, verändern, gestalten. Sicher, die eigentliche Handlung spielt sich dann vor allem dort ab, wo Friedhofsverordnungen aufgesetzt werden. Aber grundsätzlich ändern muss sich etwas erst einmal ganz woanders: in unser aller Köpfen.

 
 

 

 


Mensch versus Zeit

aus der Serie "Bauchgedanken" # 7

Bild:Von Khoroshkov - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49088446

Woran bemisst sich der Wert eines Lebens? An seiner Dauer? – Bestimmt nicht. Und doch haben wir das Gefühl, dass uns ständig die Zeit davonrennt …

Wenn wir uns nun einen Augenblick davon nehmen und darüber nachsinnen, was im Rückblick gesehen wirklich wichtig ist, so werden sich schnell einige Spitzen abzeichnen: prägende Momente mit unserem Partner, mit unseren Kindern oder mit Freunden – besondere Erfolgserlebnisse in der Schule, im Beruf oder anderswo – Augenblicke jugendlicher Unsterblichkeit (die einige Lenze später immer einen Hauch von Wehmütigkeit hinterlassen). Und wenn wir dann all diese Momente auf einen Haufen werfen – wie viel Zeit kommt da zusammen?

Unser Gedächtnis beherrscht das Prinzip „Qualität vor Quantität“ in Perfektion. Wer erinnert sich schon in aller Ausführlichkeit an all die trägen Nachmittage im Büro, an endlose Minuten in Warteschlangen, an die gesamte Zeit, die wir mit Zähneputzen verbracht haben? Im Filter der Erinnerung wird vieles ausgesiebt, was im Nachhinein nicht wichtig ist. Und zurück bleibt bloß eine gute Hand voller Gedankengold.

Dieses Wissen ist sehr wertvoll, denn es zeigt: Selbst in kleinsten Zeitspannen steckt ein unglaubliches Potenzial an Lebensqualität. Das sollten wir im Gedächtnis behalten für ebenjene Gelegenheiten, in denen uns gefühlt die Zeit abhandengekommen ist. Denn Zeit allein ist nicht wichtig – sondern vielmehr das, was wir daraus machen.

Und noch ein kleiner Gedanke: All die besonderen Augenblicke aus der Vergangenheit tragen wir immer bei uns. Wenn wir zwischendurch eine kleine Stärkung für den weiteren Weg brauchen, sind sie da. Und es kostet uns kaum Zeit.


Für Gesten ist es nie zu spät

aus der Serie "Bauchgedanken" # 6

Von Hubertl - Eigenes Werk, CC-BY 4.0, httpscommons.
wikimedia.orgwindex.
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Da ist dieses schlechte Gewissen, weil wir Oma schon seit einiger Zeit nicht mehr besucht haben. Aber uns fehlt momentan leider einfach die Zeit dafür, die Arbeit verlangt uns einiges ab und auch sonst geht es gerade hoch her. Also verbannen wir den Gedanken tief in unseren Hinterkopf und widmen uns wieder den Tücken des Alltags. Schließlich geht es ja auch nicht anders.

Zwei Monate später haben wir noch immer keine Zeit gefunden und plötzlich ist Oma tot.

Diese Geschichte ist so oder so ähnlich wohl schon unzählige Male passiert. Das Versäumnis zieht ein Gefühl tiefer Schuld nach sich. Natürlich war es keine Böswilligkeit, vielmehr wurden bloß aus Unwissenheit die falschen Prioritäten gesetzt. Und doch verstärkt das eigene Schuldbewusstsein den Schmerz über den Verlust um ein Vielfaches. Die Gelegenheit zu einer letzten Begegnung ist ungenutzt verstrichen und der Abschied so schrecklich abrupt.

Aber auch wenn keine direkte Möglichkeit der Wiedergutmachung besteht, so können Sie trotzdem etwas tun: nun für Oma da sein und sich liebevoll um die Einzelheiten der Bestattung kümmern. Zeigen Sie, wie wichtig sie Ihnen ist, auch wenn sie selbst es nicht mehr miterlebt. Machen Sie es für sich – um so zumindest im Nachhinein das Richtige zu tun. Ob sich das in einem aufwendigen Abschied äußert, bei dem Sie sämtliche Register ziehen, oder in kleinen, aber besonderen Gesten der Wertschätzung, das bleibt dabei ganz Ihnen überlassen. Machen Sie es so, wie es sich für Sie richtig anfühlt.

Und überhaupt: Wenn Sie zu Lebzeiten eines besonderen Menschen etwas versäumt haben, holen Sie es einfach nach. Schreiben Sie einen Brief an ihn, unternehmen Sie die Reise, von der Sie immer gemeinsam geträumt haben. Was auch immer Sie schon so lange verfolgt – tun Sie das, was Sie vorher nicht getan haben. Es wird Ihnen guttun. Denn für Gesten ist es nie zu spät.


Wer bestimmt eigentlich, was Bestattungskultur ist?

aus der Serie "Bauchgedanken" # 5

Foto: von Khunkay (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons.

Seit 1880 zeigt uns der Duden mit seinen weitgefächerten Nachschlagewerken, wie wir die deutsche Sprache „korrekt“ verwenden. Was vielen dabei aber nicht bewusst ist: Der Duden ist keineswegs der große Bestimmer und Verfechter einer Sprachkultur. Vielmehr beobachten seine Macher stetig den allgemeinen Sprachgebrauch in unserer Gesellschaft und leiten daraus ihre Regeln ab – übrigens auch bloß als „Empfehlungen“.

Aber was bedeutet das für uns?

Es gibt zwar eine allgemeine Vorstellung davon, wie Sprache zu verwenden ist – doch diese Vorstellung befindet sich im stetigen Wandel. Und wir sind dabei Mitgestalter. Das bedeutet eine große Chance, aber auch Verantwortung. Wirklich deutlich zeigt sich das bei einem ganz anderen Thema, wo sich die Dinge sehr ähnlich verhalten: unserer Bestattungskultur.

Wie eine Bestattung aussieht und abläuft, wurde viele Jahrhunderte lang von der Kirche vorgegeben. Noch immer sind die daraus entstandenen Traditionen vorherrschend, doch gab es in den letzten Jahrzehnten auch viele Veränderungen: Bestattung ist insgesamt individueller und persönlicher geworden. Und es sind einige außergewöhnliche Möglichkeiten entstanden – Baumbestattung, Diamantbestattung, Weltraumbestattung zum Beispiel.

Natürlich sind es Personen aus der Bestattungsbranche, die neue Richtungen erschließen und diese Entwicklungen möglich machen. Aber sie sind nicht der Ursprung dafür. Der Impuls für solche Veränderungen kommt zumeist von der anderen Seite – von denen, die Abschied nehmen (müssen). Denn ein Dienstleister, der sich nicht an den Bedürfnissen seiner Kunden orientiert, würde seine beruflichen Ziele weit verfehlen. Ein besonderes Gespür kann hier viel erreichen, der Königsweg ist und bleibt jedoch der direkte Dialog.

Und genau hier kommt Ihnen eine chancenreiche und zugleich auch verantwortungsvolle Rolle zu: Machen Sie sich in Ruhe Gedanken darüber, was Ihnen für sich und Ihre Familie wichtig ist – was sich für Sie richtig anfühlen und was Ihnen im Umgang mit einem Verlust helfen könnte. Gehen Sie dann zu einem vertrauenswürdigen Bestatter und reden Sie mit ihm darüber. Damit geben Sie bedeutungsvolle Impulse – und bestimmen bewusst mit, was Bestattungskultur ist.


Für wen mache ich das hier eigentlich?

aus der Serie "Bauchgedanken" # 4

Bild:Von I, Luca Galuzzi, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1810800

Unsere Verstorbenen beizusetzen, ist eines der Herzstücke unserer Kultur. Seit vielen Jahrtausenden gibt es Gräber – schon in der Steinzeit in einfacher Form, später bei den Ägyptern in teils gigantischen Ausmaßen. Der Friedhof, wie wir ihn heute kennen, ist aus dem normalen Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Warum auch? Und doch hat sich in den letzten Jahren einiges verändert:

Während die Bestattungskultur selbst zunehmend mehr Möglichkeiten eröffnet, um auf sehr persönliche und teils auch außergewöhnliche Weise Abschied zu nehmen, schwindet gleichzeitig an vielen Stellen das Bewusstsein für den eigentlichen Wert dieses Rituals. Klar, die nächsten Angehörigen befinden sich in der Verantwortung, die entsprechenden Schritte einzuleiten. Es gehört ja quasi auch zum guten Ton. Aber muss es denn wirklich etwas Besonderes sein? Das geht doch auch einfach, ohne großen Aufwand und vor allem: kostengünstig.

Sicherlich geht das. Nur ob das die richtige Entscheidung ist, zeigt sich oft erst später – wenn nichts mehr daran zu ändern ist. Deswegen sollten wir uns zuerst eine ganz elementare Frage stellen: Für wen mache ich das hier eigentlich?

Für den Verstorbenen?

Womöglich – weil sich schließlich jeder irgendwo wünscht, nicht sang- und klanglos zu verschwinden, sondern dass man an uns denkt. Und wenn wir uns schon nicht kümmern, wie können wir dann glauben, dass es später jemand bei uns tun wird? Aber für wen machen wir es dann tatsächlich? Denn rein rational gesehen, ist es für den Verstorbenen eher irrelevant, in welchem Sarg er liegt, wie die Trauerfeier abläuft oder wie sein Grab aussieht. Es wird ihm schließlich niemand mehr verraten. Wir dagegen fühlen ganz genau, ob ihm das alles gerecht wird oder nicht.

Und genau deshalb ist die Antwort im Kern meist eine andere: für mich selbst.

Denn wir sind es, die mit diesen Entscheidungen leben müssen. Wenn ein Abschied in lieblosem Ambiente stattfindet, dann sind wir es, die dasitzen und das aushalten müssen. Wir sind es, die die Erinnerung daran mit sich tragen werden, ein Leben lang. Dieser Moment ist nicht wiederholbar. Daher sollten wir unsere Entscheidungen so treffen, dass wir uns auch später noch damit gut fühlen.

Eine „besondere“ Bestattung ist übrigens nicht zwingend eine Sache der Brieftasche – vielmehr kommt es auf die vielen kleinen Details an, auf die Bereitschaft, sich einzubringen. Das kann jeder. Und es sollte nicht aus einer Pflicht heraus passieren, sondern aus dem Gefühl, dass „richtig“ zu handeln auch gut ist für uns selbst.


Wie Rituale uns helfen – in großen und kleinen Momenten

aus der Serie "Bauchgedanken" #3

Jeder Mensch hat seine eigenen kleinen Rituale – vom morgendlichen Kaffee vor dem Frühstück über kleine Belohnungen nach erledigten Aufgaben bis hin zur nächtlichen Lektüre, um abschalten und anschließend besser einschlafen zu können. Oft fallen sie uns schon gar nicht mehr auf, sind kaum der Rede wert. Und doch möchten wir sie auch nicht missen, denn sie verleihen uns zusätzliche Struktur und geben uns immer wieder neue Kraftschübe für den Tag. Es sind bloß Kleinigkeiten – aber eben wichtige Kleinigkeiten.

Haben wir gerade einen geliebten Menschen verloren, sind da auch wieder Rituale, diesmal andere: Trauerfeier, Beisetzung, womöglich all dem vorausgehend eine offene Aufbahrung als moderne Form der Totenwache. Es gibt ein allgemeingültiges Verständnis davon, wie solche Momente auszusehen haben – jedenfalls im Großen. Im Kleinen dagegen ist Abschied wieder eine durch und durch persönliche Sache. Die „üblichen Gepflogenheiten“ können uns zwar eine Orientierung geben, doch sie dürfen keinesfalls Gesetz sein. Es ist wichtig, dass wir auch hier unsere eigenen Rituale finden, die sich für uns richtig anfühlen.

Wenn da gerade sonst nichts mehr ist, woran wir uns festhalten können, geben uns ebenjene Rituale unverzichtbaren Halt. Dabei ist es fast schon egal, ob wir eine großzügige Trauerfeier planen oder mit kleinen Gesten unsere Dankbarkeit und Liebe zeigen – entscheidend ist, dass wir uns Gedanken machen und dabei auf unser Herz hören. Nicht an Konventionen oder Grenzen denken, sondern einfach fühlen und machen. Und falls Sie kein Freund des Besonderen sind, ist das natürlich vollkommen in Ordnung. Ein regelmäßiger Besuch am Grab beispielsweise, mit Blumen und einigen Momenten des schweigenden Gedenkens, mag sich möglicherweise trivial anhören. Aber auch das ist ein Ritual. Ein kleines, möglicherweise kaum der Rede wert – doch so lange wir uns damit wohlfühlen, ist reden ja auch gar nicht notwendig.

Bild: von Jacek Cisło (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 pl (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/pl/deed.en)], via Wikimedia Commons/strong>


Vielleicht kennen auch Sie ihn, diesen wundervollen, wenn auch manchmal etwas harschen Großvater, der immer so unerschütterlich im Sturm der Ereignisse stand. Als dann schließlich doch die Zeit ihre unnachgiebigen Spuren zu hinterlassen begann, da überdeckte er jedes Abbröckeln des Putzes mit einem mitreißenden Lächeln - und konnte er dieses einmal nicht halten, so wurde er für eine Weile unsichtbar.

Jede Hilfe war überflüssig, es würde schon gehen und er wolle ja sowieso niemandem zur Last fallen.

Auch später nicht. Deshalb war da der Wunsch nach einer anonymen Bestattung. Einfach einen sauberen Schlussstrich ziehen, ohne dass sich die Kinder und Enkel um viel kümmern müssen. Alles andere kostet ja sowieso nur unnütz Geld und wer hat denn schon etwas davon?

Niemandem zur Last fallen - ein gut gemeinter und doch schrecklicher Gedanke.

Denn da ist die Tochter, die helfen will - etwas zurückgeben -, und sie darf nicht. Da ist dieses versteinerte Lächeln, das Mut machen will, aber das gleichzeitig eine liebevolle Umarmung unmöglich macht. Und da ist diese einsame Rasenfläche, zu weit, um an einer Stelle davor stehen zu bleiben und an alte Zeiten zu denken. Irgendwo hier ist die Erinnerung vergraben - aber wo?

Entscheidungen mit dem Kopf zu treffen, mag im ersten Moment richtig erscheinen - doch oft ist es das Herz, das die Konsequenzen zu tragen hat. Wenn sich etwas im Nachhinein nicht richtig anfühlt, so verursacht das Schmerzen. Dauerhaft. Und so manch einer würde womöglich den komplizierten Weg nehmen wollen, damit es das Herz einfacher hat. Vielleicht auch gerade jener Mensch, der hinter unsere Maske blickt. Für den es eine Last ist, nichts tun zu können.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir miteinander reden - und dann erst Entscheidungen treffen.

 

Bild: Böhringer Friedrich (Eigenes Werk), CC BY-SA 2.5, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5, via Wikimedia Commons

 


Ein Mensch geht, doch die Erinnerung an ihn bleibt unsterblich – eine Aussage, die in so manchem Ohr womöglich sehr kitschig klingt. Nichtsdestoweniger enthält sie einen wichtigen Funken Wahrheit.

Denn dass wir eines Tages gehen müssen, das liegt in unserer Natur. Der große Traum von Unsterblichkeit bleibt dagegen ironischerweise beharrlich. Doch selbst wenn es eines Tages medizinisch möglich sein sollte – um welchen Preis? Da schon eher Kinder als Sinnbild des ewigen Lebens, das biologische Fortbestehen in der Weitergabe der eigenen Gene. Und dann ist da eben noch die Erinnerung.

Ein innerer Drang vieler Schriftsteller, Künstler, Visionäre jeder Art ist es, etwas Bleibendes zu schaffen, etwas, das sie überdauert. Auch hier wohl der mehr oder weniger präsente Wunsch nach Unsterblichkeit, der Wunsch, in Erinnerung zu bleiben. Aber braucht es dafür wirklich große Taten?

In unserem Leben kommen wir mit vielen Menschen in Berührung, lernen zu lieben und geliebt zu werden. Was wir sagen, tun, fühlen – das hinterlässt Spuren in dieser Welt. Die lassen sich nicht so einfach verwischen. So können wir uns im Grunde sicher sein, dass wir auch nach unserem Tod in der Erinnerung der Menschen um uns herum fortbestehen werden.

Welche Bedeutung jeder Einzelne von uns hat, das sehen wir als Bestatter tagtäglich in jenen Augenblicken, in denen sich Hinterbliebene liebevoll mit großen oder kleinen Gesten von einem einzigartigen Menschen verabschieden. Und wir sind uns sicher, dass dies nur der Grundstein ist für eine Erinnerung, die vielleicht nicht unsterblich ist, aber doch zumindest sehr lange bestehen bleibt.

BAUCHGEDANKEN“-Begriff © Marius Hanke

Foto: Coast in Medocino County in fog © Gordon F. Smith‘s parents (Eigenes Werk)
[GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via WikimediaCommons